Im Januar begann ein Junge an unserer Schule, sich intensiv mit dem Rubik’s Cube zu beschäftigen. Was für manche vielleicht einfach nach einem Spielzeug oder Zeitvertreib aussieht, wurde für ihn zu etwas ganz anderem.
Heute kennt er zahlreiche Algorithmen auswendig, löst den 3×3-Cube in unter 20 Sekunden und hat beim 2×2 eine persönliche Bestzeit von gerade einmal 5 Sekunden. Auch 4×4, 5×5, Pyraminx und Megaminx löst er inzwischen mit beeindruckender Geschwindigkeit. In der Schule entstehen aus den Cubes Pixelbilder – kleine Kunstwerke aus unzähligen gedrehten Flächen.
Doch das eigentlich Spannende passiert nicht auf dem Würfel.
Der Cube hat ihm Türen geöffnet, die vorher verschlossen waren.
Er nimmt inzwischen an Wettkämpfen teil. Er tauscht sich in nationalen und somit mehrsprachigen Chatgruppen aus. Er knüpft Kontakte zu Menschen auf der ganzen Welt und schliesst Freundschaften – viele davon mit anderen neurodivergenten Jugendlichen. Und plötzlich wird auch Englisch ganz selbstverständlich.
Lehrmittel im Fach Englisch waren für ihn lange mit schwierigen Erfahrungen verbunden und konnten starke Überforderung auslösen. Heute schreibt und spricht er mit seiner Community über Stunden auf Englisch. Er lernt neue Wörter, formuliert Sätze, versteht andere – nicht, weil jemand ihm ein Arbeitsblatt vorlegt, sondern weil er etwas zu sagen hat und verstanden werden möchte.
Als die Cubing-Europameisterschaft zufällig in der Nähe seines Feriendomizils stattfand, wurde aus virtuellen Kontakten echte Begegnung: Er traf Jugendliche aus seiner Community – Menschen, die wenige Monate zuvor noch völlig fremd waren.
Es gelingt etwas, was sonst unglaublich viel Kraft kostet:
Kontakt aufnehmen. Zugehen. Dazugehören.
Genau deshalb glauben wir an eine Schule, die nicht nur fragt: «Was musst du jetzt lernen?»
Sondern auch: «Wofür brennst du? Was kannst du daraus entwickeln? Welche Türen können wir gemeinsam öffnen?»
Denn manchmal beginnt Lernen tatsächlich mit einem Würfel. Und manchmal sieht etwas von aussen nach «Spielen» aus – während dahinter hoch konzentriertes Lernen, Ausdauer, Problemlösefähigkeit, Selbstorganisation, Kommunikation, Sprachentwicklung, soziale Beziehungen und ganz viel persönliche Entwicklung stattfinden.
Freies Lernen bedeutet, den Kindern Räume zu geben, in denen sie Interessen entdecken, Ziele entwickeln, Verantwortung übernehmen und über ihre eigenen Stärken Zugang zu Neuem finden können.
Manchmal braucht es dafür kein Arbeitsblatt. Manchmal braucht es einen Zauberwürfel.